Die Bewahrung der Ruhe

Die Kirchenglocken waren deutlich zu hören. Der dumpfe Klang beruhigte Hartmut, der vor dem Fernseher saß. Die Nachrichten gingen gerade zu Ende. Er seufzte tief in seinem Sofa, die karierte Decke über dem Schoß. Er schaltete auf stumm und schloss die Augen und wurde mit jedem Glockenschlag ruhiger und ruhiger. Die Glocken ertönten immer abends um sieben Uhr, seit jeher. Also seitdem er da wohnte, und das waren ja schon an die fünfzig Jahre jetzt. Die Kirche läutet regelmäßig. Und das Geregelte gefiel Hartmut. Das letzte Mal, als man außerordentlich geläutet hatte, war, als die Mutter begraben wurde. Da hatten die Glocken schon um drei nachmittags gebimmelt. Und das war ja schließlich was Besonderes.

Die Nachrichten hatten auch diesmal wieder Vermummte gezeigt. Schreiende Frauen in einer Wüstenstadt, die auf dreckigen Knien krochen und in fremden Zungen gen Himmel klagten. Dann Sport: Nico Rosberg war der dritte deutsche Formel-1 Weltmeister.

Neben Hartmut stand ein Flaschenbier, lauwarm, auf dem gehäkelten Untersetzer. Er nippte gelegentlich daran. Doch saß er sonst sehr still und andächtig und geborgen im Sofa. Nur die alten Pantoffeln bewegten sich langsam und regelmäßig an der Spitze, wenn Hartmut die Zehen auf und ab drückte, wie in Trance, wie um sich selbst zu beruhigen. Weiterhin dumpfes Bimmeln. Er wünschte, es würde nie enden. Doch er wusste, es würde um fünf nach sieben enden. Wie jedes Mal, schließlich. Seit jeher.

Mit den geschlossenen Augen konnte er sich hineinversetzen in diese Kirche. Er konnte das modrige Leder der alten Sitzbänke riechen, die mächtige Stille hören, die nur manchmal von einem zögerlichen Hüsteln unterbrochen wurde, das Aufstehen im Chor, das gemeinsame, geregelte Hinsetzen, das gezwungene Mitsingen, die kalten Blicke, die umherlugten und sich zu Boden senkten, wenn der weißleuchtende Pfarrer sein Publikum fixierte, mit diesen überlegenen, durchlöchernden Augen, mit dieser tiefen, allwissenden Stimme… Das alles beruhigte ihn.

Die Wiener Würstchen waren im Angebot gewesen, also hatte Hartmut direkt ein Dutzend gekauft. Er mochte das Maßlose nicht, doch er mochte das Geldausgeben noch weniger. Vor den Nachrichten hatte er drei Stück gegessen, mit Senf. Auch sie hatten wohlig und wie gewohnt geschmeckt. Auch sie wirkten beruhigend. Obwohl das sein Magen anders sah – der Arzt hatte ihm geraten auf fettige Fleischwaren zu verzichten. Doch Würstchen hatte seine Mutter immer gemocht. Würstchen gab es bei Hartmut seit jeher. Die Vermummten aus dem Fernseher essen keine Würstchen, hatte er gehört. Dies konnte Hartmut nicht verstehen und das machte ihn sehr unruhig.

Am Abend zuvor hatte es an der Haustür geklingelt. Hartmut mochte das Bimmeln der Glocken aber nicht das Klingeln der Tür. Widerwillig und misstrauisch hatte er dann doch geöffnet, zuerst nur einen Spalt, wie er das immer machte. Es hatten ihm zwei junge Frauen zugelächelt und von einer Notlage an irgendeiner Grenze gesprochen. Es würden dringend Kleider gebraucht. Für Menschen, die nach Deutschland wollten und dies aber nicht sofort dürften. Hartmut hatte sich alles angehört in seiner Türschwelle, in seinen Pantoffeln, die sich auf und ab hoben. Er hatte nichts gesagt, nur ab und zu gezwungen freundlich genickt. Die Frauen hatten Tücher auf dem Kopf gehabt. Und die Glocken hatten auf einmal mächtig gebimmelt, also hatte Hartmut die Tür geschlossen.

Dies alles ging ihm jetzt nochmal durch den Kopf, als er auf dem Sofa mit geschlossenen Augen dem Läuten lauschte. Dann erklang der letzte dumpfe Glockenschlag. Hartmut ließ ihn lange ausklingen, holte tief Luft und öffnete die Augen. Er legte die Decke beiseite und leerte die Bierflasche. Dann stand er auf und stellte sich ans Fenster, schob den Vorhang ein wenig zur Seite und schaute in die Welt. Hinten wehte tapfer eine deutsche Fahne über dem Kleingartenverein. Beruhigt atmete er ein.

Morgen würde auch er die Fahne hissen, und noch drei Würstchen essen. Er schaltete den Fernseher wieder laut, denn die Sportschau lief.

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