Kurzzeitige Verwahrung

Es ist der erste Tag. Denke ich. Ich schnüffle zum ersten Mal seit langem wieder so etwas wie frische Luft. Es riecht alles neu, doch ja, das ist Luft, ich rieche Bäume, die ich nicht kenne und die entfernt scheinen. Doch es sind Bäume, es müssen Bäume sein. Die Augen sind noch müde, doch der Schleier legt sich langsam. Ich muss lange geschlafen haben. Ein metallischer Geschmack liegt mir auf der Zunge. Überhaupt fühlt sich hier alles metallisch an. Der dumpfe Zustand des Schlafens, der alles weicher macht, löst sich erst langsam, dann unangenehm schnell auf. Schlagartig ist es laut. Und wirr und kalt und schrill. Ich höre Rufe, ein wildes Kratzen, ein Heulen. Irgendwo in meiner Nähe wacht noch einer auf. Das Chaos der Geräusche verwirrt mich, ich muss ordnen, und zwar schnell.

Von gestern weiß ich nicht mehr viel. Ich muss lange gelaufen sein, möglicherweise meilenweit. An die Erschöpfung und den Hunger hatte ich mich gewöhnt, sie waren seit Tagen meine Begleiter. Schließlich half es ja nichts, ich musste weg. Ich habe es lange nicht einsehen wollen, hatte Angst vor dem Ungewissen, doch merkte dann, dass das Ungewisse vielversprechender ist, ja sein muss. Wieso hast du solche Angst vor dem Ungewissen, wenn dir das Gewisse hier so unerträglich ist. Dies hatte ich mir damals gedacht. Damals, das heißt vor einer Woche. Vielleicht waren es auch zwei. Immer wieder hatte ich von anderen gehört, dass es eine Welt gibt, die nicht so aussieht, wie meine. Es war von Wiesen die Rede, auf denen man nach Belieben herumlaufen kann. Fressen sei dort kein Mangel, Menschen würden einem zusprechen, sich nähern, nicht mit einem erhobenen Stock in der Hand, nicht mit einer Metallkette. Ja Treue und Gutmütigkeit würden sogar belohnt.

Und fremde Bäume soll es dort geben, grün und rot und saftig duftend.

Ist es das, was ich jetzt hier so entfernt zwischen dem Lärm und dem Geheule und dem Metall rieche. Ein fremder Baum?

Ich schrecke plötzlich hoch. Hinter mir knurrt es. Gelbe Zähne funkeln mich bedrohlich an. Mein Haar sträubt sich und ich gehe in Position. Ich hatte mir vorgenommen, nicht zurückzuschrecken, nie mehr einzustecken, zu laufen, und wenn dies nicht geht, zu kämpfen. Alles dies hatte ich mir damals vorgenommen, als ich den Weg antrat. Ein wildes Gebell schallt mir nun entgegen, manchmal von einem tiefen Knurren durchbrochen. Die Augen weit aufgerissen und weiß, geht mich mein Gegenüber an. Ich verstehe kein Wort. Die Sprache kommt mir zwar nicht völlig fremd vor, doch bleibt mir das Geknurre ein Rätsel. Ich knurre zurück und versuche gleichsam unbeeindruckt und entschärfend zu wirken. Der Kläffer hält weiterhin Abstand. Er droht unentwegt, doch meine ich in seinem Ausdruck mehr Angst als Tollwut herauszulesen. Vom Aussehen her ist er mir ähnlich; kurzes, dunkles Haar, großer, kräftiger (wenn auch ausgemergelter) Körper, spitze Ohren. Vielleicht sind wir deswegen beide hier gelandet. In einem Käfig. Daher übrigens, so leuchtet es mir schlagartig ein, das Metall in der Luft und in meinem Mund. Ich bin umgeben von Stangen und muss mich gestern bei meiner Ankunft wohl gewehrt haben, möglich, dass ich aus Verzweiflung in eine der dünnen Gitterstangen biss. Ich entscheide mich jetzt, mit einem klareren Kopf, für Geduld. Mein Mitgefangener wird zusehends ruhiger. Er macht einen kleinen Schritt zurück, dann noch einen, und legt sich flach aber mit gespitzten Ohren nieder. Er lässt mich keine Sekunde aus dem Blick.

Das also muss diese kurzzeitige Verwahrung sein, von der mir erzählt wurde, provisorisch, ein zwei Tage, bevor es weitergehen kann.

Ich blicke mich zum ersten Mal um. Gitter überall. Und Gestank und Geheul und Gegacker und Gebell und Gemiaue. Nicht alles kenne ich, manches ordne ich aufs Gefühl (Geratewohl?) zu, manches kenne ich in anderer Form aus meiner Heimat. Rechts und links neben unserem Käfig erstrecken sich an die Hundert weitere Parzellen. Käfige kenne ich übrigens sehr wohl aus meiner Heimat. Vor mir – und jetzt wird es spannend – meine ich hinter den Kaninchenställen (auch die kenne ich, Kaninchen lassen sich so gut jagen, wenn sie denn nicht eingesperrt sind) und hinter der grauen, großen Mauer, die Krone von zwei Bäumen zu sehen. Ich konzentriere mich mit aller Kraft darauf. Ja. Das sind sie, die habe ich heute morgen als erstes gerochen, es gibt sie wirklich, wie komme ich dahin.

Vor mir laufen Wesen, die wie weisse Hühner, nur mit längeren Hälsen, aussehen. Sie sind nicht eingegittert, dürfen auf dem spärlich mit Gras bewachsenen Untergrund herumhampeln und in den Boden picken. Dennoch scheinen sie nicht zufrieden; sich lautstark beschwerend laufen sie im Kreis. Ich belle sie neidisch an. Der kalte Metallgeruch vor meiner Nase erinnert mich schmerzlich an meine Grenzen, die mir auferlegt sind. Ich kann also nur beobachten. Auch die Käfige neben mir beherbergen Hunde. Von allen Formen und Farben, doch kaum reinrassig. Oder wenn sie es mal waren, sieht man es ihnen nicht mehr an. Einige liegen stoisch in einer Ecke, still und doch mit unruhigen Augen. Andere drehen verwirrt und unentwegt ihre engen Kreise im Käfig. Wieder andere heulen und bellen und verlangen Antwort. Doch keiner scheint zuzuhören oder zu verstehen oder sich zu scheren. Ich vernehme irgendwo zwischen dem Geplapper einen bekannten Akzent. Meine Sinne schärfen sich. Ich höre angestrengt zu und kurze Zeit später stimme auch ich in den wilden Kanon der Rufe und Schreie ein. Obwohl ich mir Ruhe geschworen hatte und Geduld, werde ich unruhig, da keiner sofort antwortet. Das wirre Gebelle, jetzt mit meinen Ausrufen um eine neue Stimme bereichert, schaukelt sich höher und höher. Ich meine, ein Hey auf meiner Sprache herausfiltern zu können, dann ein Fluchen und Vermaledeien, dann ein Name, der mir bekannt vorkommt, dann auf einmal nichts mehr.

Ein Mensch hat das Chaos, allein durch sein plötzliches Erscheinen, unterbrochen. An jeder Hand trägt er einen Eimer. Ein neuer Geruch zieht in die Käfige ein. Sogar die stoischen Hunde, die bis jetzt noch immer in ihrer Ecke kauerten, recken die Nasen, manche haben sich sogar erhoben. Der Mensch selbst riecht fremdartig. Die Menschenstimme spricht undeutlich, aber beruhigend. Die Worte prasseln ununterbrochen auf uns nieder, wie ein sanfter Regen, der sich gleichmäßig auf das wilde Brodeln legt. Alle Blicke sind auf den Neuen gerichtet, erwartungsvoll oder skeptisch, oder beides. Nur noch die langhälsigen Hühner beschweren sich im Hintergrund. Die erste Schippe taucht in einen der Eimer. Der Inhalt landet im ersten Käfig und der Duft vom Futter durchsetzt unsere Luft noch intensiver. Noch immer Stille. Der Köter, der zufällig im Käfig ganz links eingesperrt ist, zieht die Nase in schnellen Wiederholungen hoch, nähert sich seinem metallenen Trog und stürzt sich nach kurzem Zögern gierig auf den Inhalt(?red). Ein Bellen ertönt aus dem Käfig neben dem Ersten. Dann ein weiteres, das sich wie ein Lauffeuer ausbreitet. Wieso kriegt er zuerst? Wieso bin ich in der Reihe ganz hinten? Wieso nur eine Schippe und wo bin ich? Die Stäbe der Gehege zittern, hungrige Mäuler offenbaren bedrohlich ihre Zähne. Die Stimme redet weiter, unbeeindruckt und abgestumpft.

Ich wache wieder auf. Ein Metallgeschmack liegt auf meiner Zunge. Um mich herum ist es kalt und laut. Gleich müssten die Eimer kommen. Ich hebe meinen Kopf, der die ganze Nacht, wie jede Nacht, in dieselbe Richtung gedreht war. Die Baumkrone duftet weiter und schielt spöttisch über die Mauer.

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